Die DFG-VK Köln war am 3./4. Juni 2018 in Büchel / Cochem

Cochem, 3. Juni 2018. Es findet eine Aktion Kölner Aktivist*innen der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsgegner*innen in diesem malerischen Ort an der Mosel statt, mit einer ziemlich echt aussehenden Bombenattrappe; das Ganze im Gewimmel der bunten Menschenmenge unter einem strahlend blauen Himmel. Das Anliegen: die Beseitigung der Atombomben, die in der deutschen Kaserne in Büchel nahe bei Cochem einsatzbereit gehalten werden. Als kleines Theaterstück aufgeführt werden zwei Gerichtsverhandlungen: die erste probehalber in der weniger belebten Straße vor dem Amtsgericht. Die Symbolik des Ortes stimmt. Ich habe nach der Vorstellung von zwei zustimmenden Frauen ihre Unterschriften unter den Appell an die Bundesregierung erhalten, dem UN-Atomwaffen-Verbotsvertrag beizutreten. Dieser Vertrag wurde am 7. Juli 2017 von 122 Staaten in der UNO beschlossen. Flyer, die eine Aufklärung über Büchel enthalten, wurden von Passant*innen überrascht angenommen oder desinteressiert abgelehnt. Eine Gruppe von Leuten kommt, und wenn der oder die erste Passant*in sich einen Flyer nimmt, nehmen die folgenden ebenso. Wenn aber die oder der Erste des Pulks die Annahme verweigert, verhält sich der Rest auch verweigernd. Es gibt auch welche, die sich ansprechen lassen, welche, die interessiert scheinen und solche, die das Anliegen teilen, die Atombomben aus dem Fliegerhorst in Büchel zu beseitigen. Manche beobachten unsere kleine Gruppe und schauen neugierig auf die mit einer Bombe zum Verwechseln ähnliche Attrappe. Ein kleiner, älterer Herr, mit dem jemand aus unserer Gruppe diskutiert, hält es sogar für möglich, dass wir mit einer richtigen Bombe durch Cochem laufen, und natürlich findet er das gar nicht lustig. Er verdächtigt uns nicht zu wissen, was Demokratie in Wirklichkeit bedeutet. Im Tonfall eines Dorflehrers fragt er: „Woher kommt das Wort Demokratie, kann mir das mal jemand von euch sagen? Sagt mal, dann will ich euch das mal vermitteln. Das muss man doch wissen, und ihr scheint nicht zu wissen, was das bedeutet. Und bevor ihr hier so was macht, solltet ihr euch erst einmal schlau machen.“ Er zerlegt das Wort Demokratie in seine griechischen Teile und vertritt die Meinung, dass man erst einmal eine Volksbefragung starten müsse, bevor man überhaupt so etwas mache, und dass, wenn die Amerikaner nicht wollten, die Atombomben sowieso nicht verschwänden. Wir erklären ihm den Zweck unserer Aktion mit dem Hinweis auf unsere Unterschriftenlisten und bereits vorhandene Meinungsumfragen, die Mehrheiten gegen die Bomben offenbaren. Aber er bleibt dabei, dass alles nichts nütze, weil er als Landwirt schon einmal die Erfahrung gemacht habe, gegen die Mächtigen nicht anzukommen. Es gibt auch Erwachsene, die verschämt dem Blickkontakt ausweichen, wie Kinder, die sich von Fremden verunsichert fühlen. Ein älteres Paar lehnt in einer Mischung aus Niederländisch und Deutsch den dargebotenen Flyer ab. Als ich mit meinen niederländischen Kenntnissen erkläre, um was es geht, lächeln sie freundlich. Ich erwähne, dass auch in den Niederlanden US-amerikanische Atombomben gebunkert werden. Vielleicht waren sie erfreut darüber, dass ich sie auf Niederländisch angesprochen habe. Sie wünschen mir einen schönen Tag und ich erwidere den Wunsch. Ein anderer Mann fragt mich, was der Blödsinn soll und deutet mit einer laxen Kopfbewegung auf die Holzlafette mit der Raketenattrappe. Ich sage, dass wir eine Aktion gegen die hier einsatzbereit lagernden Atombomben machen. Daraufhin urteilt er, wir hätten keine Ahnung. Dagegen wehre ich mich mit dem Hinweis, dass ich seine Meinung akzeptiere, wenn wir denn auf Augenhöhe und nicht in einer abfälligen Tonlage miteinander diskutieren. „Sind Sie Lehrer“, fragt er grinsend, während seine Frau ihn am Ärmel zupft. Das Geplänkel war schnell beendet, weil der Mann mit einer abweisenden Handbewegung davonging, statt sich auf eine sachliche Diskussion einzulassen. Wir können nicht – und das ist gut so – in die Köpfe der Menschen blicken. Unser kleines Gerichtsspiel, das wir am Brunnen vor dem Rathaus ein zweites Mal aufführen, hat eine Menge Zuschauer*innen – unfreiwillige. Und deswegen diskutieren wir, ob wir die Gerichtsverhandlung mit dem Rücken zu den Leuten spielen, die draußen unter den Sonnenschirmen der Cafés, Bistros und Eisdielen sitzen. Die Leute, die am Brunnen vorbeigehen, die sehen uns von vorne. Es bleibt wohl kaum jemand von ihnen stehen. Jedenfalls bildet sich keine spürbare Menge hinter mir, der ich das Publikum repräsentiere, das sich während der Gerichtsverhandlung zustimmend und ablehnend zu den jeweiligen Aussagen der Kläger*innen und Beklagten bemerkbar machen soll. Das „Publikum“ äußert einstimmig seine Zustimmung und Entrüstung, weil sich niemand meinen Zwischenrufen anschließt. Ich stelle mir die Frage, ob die Menschen in dieser wunderbaren Mosellandschaft unter dem strahlendblauen Himmel mit so einer Gefahr konfrontiert werden wollen. Ich schwanke zwischen meinen Gefühlen. Ich erfreue mich an der sonnendurchfluteten Landschaft und habe keine Lust Spaßverderber zu sein. Gleichzeitig fühle ich Bitterkeit wegen der Leute, die keine Gefahr zu berühren scheint. Der Mensch ist gut, die Leute sind schlecht, soll Karl Valentin einmal geäußert haben. Daran muss ich denken. Im Ortskern von Cochem herrscht Andrang wie auf einer Kirmes. Wes Geistes Kind sind die Leute, die hier wimmeln? Ab und zu bohrt sich der Lärm aufbrausender Motorräder in meine schwerhörigen Ohren, dass ich fluche. Auf der Brücke über der Mosel während unserer Buchstabenaktion, die nur ein Fotoshooting andauert, wird mir beim Anblick der Mosel bewusst, dass sie braun ist und von ihrer wasserblauen Farbe nichts übrig ist. Sie scheint wie von einer Krankheit befallen. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dacht ich so vor mich hin; kein Märchen aus uralten Zeiten. Aber was mir in meinem auf den Fluss gebannten Blick in den Sinn kam, war die Befürchtung, dass diese Farbe (auch einer politischen Strömung) das Vorzeichen eines realistischen Albtraums sein könnte. Ich denke, warum tue ich mir das an, mich beargwöhnen, begleichgülitigen, arrogant belehren zu lassen. Ich habe nicht den optimistischen Charakter eines Halbvollsehers. Nein, nein - ich gehöre zu den Halbleerseher*innen und versuche, mir bei allen Abfuhren, die an meiner Hoffnung nagen, zu bewahren, was einer Verantwortung gerecht werden kann – meinen Willen. Aber warum? Sind wir, die Wenigen im Vergleich zu den Vielen, die Don Quichottes? Was treibt mich an in einer Menschenwelt, die auf Selbstmord programmiert ist? Die Leute, die mich nerven bestimmt nicht; sind es mein Sohn, meine Enkel? Ist es die Überzeugung aus meiner mühsam angeeigneten Weltsicht? Trotz der Gefahr, die mir sehr bewusst ist, dass jeden Tag eine Atombombe irgendwo auf unserem Planeten explodieren kann, habe ich keine Angst. Ein unsichtbarer Vorhang trennt mein Gefühl von meinem Verstand. Dafür erlebe ich mich als nörgelnden Misanthropen, wo ich Massen von Menschen begegne, die den Tanzenden auf einem Vulkan gleichen. Ist das Eintreten für eine atomwaffenfreie Welt eine Aufgabe, mit der Sisyphos glücklich werden kann? Ich glaube nicht. Aber es ist eine Herausforderung, die, wenn sie Andere zum Handeln ansteckt, eine Solidarität erweckt, die mit ihrer Herzerfrischtheit jene Kraft erzeugt, die den Willen nährt. Und meiner lautet, weder Opfer noch Mittäter zu sein.


DFG-VK Köln fordert: Abzug statt Aufrüstung! Büchel-Blockade am 26. Mai 2017

Es war ein „Brückentag“ und schönstes Ausflugswetter, als sich sechzehn Pazifist*innen an drei Zufahrtstoren zum Fliegerhorst des Taktischen Luftwaffengeschwaders 33 der Bundeswehr in Büchel in der Eifel zu deren Blockade niederließen. Sie hatten sich verabredet, den Betrieb rund um die hier in Rheinland/Pfalz befindlichen „Sonderwaffenlagerungsstätten“ nach Kräften zu behindern. Denn unter „Sonderwaffen“ sind hier US-amerikanische Atombomben zu verstehen.

Der Internationale Gerichtshof hat Atomwaffen wegen ihrer verheerenden Wirkung auf Zivilist*innen schon 1996 für völkerrechtswidrig erklärt. Der Bundestag hat 2010 mit großer parteiübergreifender Mehrheit für ihren Abzug gestimmt. Weit über 90 Prozent der Bundesbürger*innen plädieren für ihre Entfernung. Doch im Rahmen der sogenannten Nuklearen Teilhabe hält bisher noch jede Bundesregierung beharrlich an ihnen fest. Statt sie abzuziehen, sollen sie nun sogar noch um- und aufgerüstet werden: Die neuen B61-12 werden nicht mehr frei fallen, sondern zielgenauer lenkbar werden. Das wird ihren Einsatz erleichtern – gerade unter einem so unberechenbaren Präsidenten wie Donald Trump eine grausige Vorstellung. Und angesichts einer neuen Kalte-Kriegs-Politik besonders bedrohlich.

Voraussichtlich ab 2024 sollen die neuen smarteren Massenvernichtungswaffen nach Büchel kommen – bereit für den Ersteinsatz, den die Nato-Doktrin nach wie vor beinhaltet. Aber dem Ersteinsatz folgt mit ziemlicher Sicherheit ein „Zweiteinsatz“ aus der Gegenrichtung. Beide zusammen würden unglaubliche Menschenopfer und einen „Nuklearen Winter“ für den Planeten Erde erzeugen.

Angesichts einer solchen drohenden Katastrophe haben 123 Staaten der Vereinen Nationen kürzlich beschlossen, ein generelles Atomwaffenverbot auszuhandeln. Die zweite Sitzungsperiode der UN-Konferenz zur Verhandlung eines Verbotsvertrags findet gerade – vom 5. Juni bis 6. Juli – in New York statt. Die deutsche Regierung aber weigert sich, daran teilzunehmen.

Die Blockierenden des 26. Mai forderten auf Bannern „Unsere Zukunft: atomwaffenfrei“ und konfrontierten Zivilist*innen und Soldat*innen, die am Atomwaffenstandort vorbeifuhren, mit ihrer Entschlossenheit, das Unrecht der Stationierung nicht stillschweigend hinzunehmen. Von 6 Uhr morgens bis 12 Uhr mittags dauerte die Aktion mit Blockade, Kundgebung, Musik, Reden und viel Austausch der Aktivist*innen untereinander. Raphaela und Vanessa aus dem Bergischen Land, Marion aus Hamburg, Werner aus Berlin, Johannes aus Erfurt und Ariane, Georg,, Gerd, Hans Peter, Harald, Magda, Markus, Maxi, Michael, Nele und Stefanie aus Köln – die meisten sind Mitglied in der DFG-VK – verlangten vor Ort die Ächtung der Atomwaffen und ihren unverzüglichen Abzug.

Am Vortag hatten sie im nahe gelegnen Ausflugsort Cochem mit
einer Buchstabenaktion „atomwaffenfrei!“ und „Büchel ist überall“ auf der Moselbrücke gegen die 20 hier stationierten A-Waffen protestiert und in der Fußgängerzone aufklärende Flyer verteilt.

Es war eine trotz des düsteren Themas für die Beteiligten durchweg befriedigende Aktion, denn, so Markus: „Es fühlt sich gut an, das Richtige zu tun.“ Die Polizei zeigte sich an diesem 26. Mai übrigens kaum.

Zur Internationalen Woche der Kampagne vom 12. bis 18. Juli unter anderen mit elf Gästen aus der US-Friedensbewegung laden mehr als 50 Organisationen und Gruppen sowie die Mayors for Peace (Bürgermeister für den Frieden) herzlich ein. Ein Highlight bringt der 15.Juli: Konzert mit Konstantin Wecker und Bands aus der Region.

Zur Bundestagswahl veröffentlicht die Kampagne ihre Unterschriftenliste „Taten statt leerer Worte! Abzug statt Aufrüstung der Atomwaffen“ – weitere Unterzeichner*innen sind willkommen!

Von Ariane Dettloff. Fotos: Stefanie Intveen