„Der Atomkrieg beginnt hier.“ Mahnwache deutscher Quäker*innen am Atomwaffen-Stützpunkt Büchel, 28. bis 30. Juli

Grüne Hügel, blauer Himmel, rasch dahinsegelnde weiße Wolken im Eifelland oberhalb von Cochem an der Mosel – die Landschaft wirkt idyllisch. Die Visitenkarte der Pension, in der sich unsere Quäkergruppe vom 28. bis 30. Juli einquartierte, bewirbt die Gegend so: „Durch die waldreiche Umgebung mit zahlreichen Wegen ein idealer Ort für Wanderfreunde …“

 

Idyllisch? Ja, wären da nicht der Stacheldrahtzaun, der Radarturm, die Bunkerbuckel und Blechschilder mit der Aufschrift: „Militärischer Sicherheitsbereich! Unbefugtes Betreten verboten. Vorsicht, Schusswaffengebrauch!“ Hier, im Bundeswehr-Fliegerhorst Büchel lagern klammheimlich 20 Atomwaffen der US-Armee[1]. Die Bundesregierung dementiert es nicht. Immerhin hat ja das deutsche Parlament 2010 deren Abzug verlangt. Allerdings ist Papier sprichwörtlich geduldig. Die sogenannte „Nukleare Teilhabe“ der Bundesrepublik Deutschland hat bis heute immer noch Bestand. Entsprechend üben deutsche Soldaten des in Büchel stationierten „Taktischen Luftwaffengeschwaders 33“ alltäglich den Ernstfall – den Abwurf von Atombomben des Typs B61. Das sind frei fallende Bomben mit der 13fachen Zerstörungskraft der 1945 auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfenen Atombomben. Laut US- und Nato-Strategie sind diese sogar auch für einen Ersteinsatz vorgesehen.[2]

 

Zwar haben die Vereinten Nationen gerade einen Verbotsvertrag für Atomwaffen beschlossen. Doch weder die USA noch die Bundesrepublik Deutschland sind ihm beigetreten. Vielmehr ist geplant, die in Büchel stationierten Atomwaffen zu „modernisieren“. Das heißt, sie sollen lenkbar werden, die Sprengkraft wird variabel einstellbar sein.[3] Somit werden sie leichter einsetzbar sein. Ab 2020 werden sie voraussichtlich am Bundeswehrstandort Büchel stationiert.[4]

 

In Kenntnis dieser bedrückenden Fakten haben deutsche Quäker - vorwiegend aus dem Raum Südwest - beschlossen, vor Ort ein Zeichen des Protests zu setzen. Am 29. Juli 2017 veranstalteten wir, 19 Quäker*innen und Freund*innen der Freunde, im Rahmen der Kampagne „atomwaffenfrei. jetzt“ vor dem Haupttor des Atomwaffenstandorts eine sechsstündige Mahnwache und versperrten so den Zugang. Das „Netzwerk Friedenssteuer“, mit dem wir freundschaftlich kooperierten, hatte die Mahnwache angemeldet. Auch Aktivist*innen von Pax Christi Recklinghausen und attac Hagen kamen hinzu, so dass an diesem Wochenende insgesamt mehr als 30 Atomwaffen-Gegner*innen ihrem Protest Ausdruck gaben.

 

Wir installierten verschiedene Banner, darunter: „Peace first!“ und „Liebe Piloten, schützt Europa – sagt im Ernstfall Nein!“ Gemeinsam sangen wir Friedenslieder. Einige von uns umrundeten und inspizierten anschließend die Umgebung des weitläufigen Atomwaffengeländes. Für gut zwei Stunden hat eine Kleingruppe ein Nebentor, das als Ausweicheingang benutzt wurde, unter anderem mit einer Andacht blockiert. „Ich empfand durch das Wachpersonal immer wieder, dass dies unangenehm war, wir also Sand in diesem Getriebe waren. Wir erzählten uns während dessen eine Friedensgeschichte (immer reihum) und hielten eine, wie ich empfand, besondere Andacht in der prallen Sonne“, berichtet ein Teilnehmer.

 

Eine weitere Kleingruppe verteilte im Ausflugsort Cochem Flyer mit Informationen zu den Atombomben in der Nachbarschaft. Kaum jemand weiß ja, dass sie hier stets einsatzbereit stationiert sind. Nach Ansicht vieler hier Ansässiger soll das auch so bleiben, damit der Tourismus nicht beeinträchtigt wird. Es könnte ja sein, dass manchen diese Nachbarschaft unheimlich wäre. Aber auch das Argument, der Atomwaffenstützpunkt sichere doch Arbeitsplätze und solle darum unbedingt bleiben, war zu hören.

 

Am Sonntag, dem 30. Juli 2017, hielten wir gemeinsam auf der nahen „Friedenswiese“ eine Stille Andacht. Im anschließenden Gesprächskreis zeigte sich, wie bewegt die Teilnehmenden die Aktion erlebt hatten. Zwar gab es am Wochenende nur mäßigen Verkehr von Militärs. Die Polizei ließ die Blockade der beiden Tore wohl deshalb auch unbehelligt. Doch immerhin haben viele Vorbeifahrende unsere Protestaktion wahrgenommen; die meisten winkten uns freundlich zu, zeigten auch hochgereckte Daumen. Genervtes Kopfschütteln war allerdings gelegentlich auch zu sehen. Unser Banner mit der Aufschrift „Der Atomkrieg beginnt hier – der Widerstand auch“ stellten wir abschließend neben die vieler anderer Aktivist*innen auf die vom Durchgangsverkehr gut einsehbare „Friedenswiese“.

 

Es soll nicht bei dieser einen Aktion bleiben. Auf der Jahresversammlung in Bad Pyrmont soll der Skandal der atomaren Bedrohung von deutschem Boden aus thematisiert werden. Die Aktivistin Dr. Elke Koller wird am Donnerstag auf der Jahresversammlung der "Religiösen Gesellschaft der Freunde" über die US-amerikanischen Atomwaffen in Büchel berichten. Direkte Aktionen von Quäker*innen könnten folgen.

 

Wir wollen auch die Prozesse gegen Demonstrierende am Atomwaffenstandort Büchel solidarisch begleiten. So beginnen am 18.9.2017 am Amtsgericht Cochem die Prozesse gegen Aktivisten, die 2016 auf die Landebahn gegangen sind. Und am 18. Juli 2017 waren vier „Pflugschar“-Aktivist*innen aus den USA und ein Deutscher in das Atomgelände eingedrungen, hatten „Disarm!“ auf das Eingangstor zu einem Bunker geschrieben und waren fast zwei Stunden unentdeckt geblieben. Eine Anklage wegen „Hausfriedensbruchs“ dürfte folgen. Am 1. September 2017, dem Antikriegstag (Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs), wird dem Jugendnetzwerk für politische Aktion (JunepA) der Aachener Friedenspreis verliehen. Auch eine Jungfreund*in ist in dieser Initiative aktiv, die verschiedene Aktionen Zivilen Ungehorsams in Büchel durchgeführt hat. Laudator in der Aula Carolina in Aachen wird der Kabarettist Urban Priol sein. Die Veranstaltung ist öffentlich.

 

Um ein quäkerisches Friedenszeugnis gegen den Atomwaffen-Irrsinn praktisch werden zu lassen, gibt es viele Möglichkeiten. Eine wäre zum Beispiel, die jeweiligen Bürgermeister*innen unserer Städte anzuregen, im Rahmen der „Mayors for Peace“ aktiv zu werden. 470 deutsche Städte sind Mitglied in diesem internationalen Bündnis, dem insgesamt mehr als 7.000 Städte und Gemeinden aus über 160 Ländern angehören. Die Öffentlichkeit erfährt davon aber so gut wie nichts. Mit einer großen gemeinsamen Aktion vor dem Fliegerhorst Büchel wäre dem abzuhelfen. In Köln etwa ist es immerhin gelungen, am Flaggentag der „Bürgermeister für den Frieden“ deren Fahne vor dem Rathaus wehen zu lassen. Und zum Start der Friedens-Fahrradtour NRW 2017 schrieb OB Henriette Reker in ihrem Grußwort: „Als Oberbürgermeisterin setze ich mich für die Abschaffung von Atomwaffen weltweit und damit auch in Deutschland ein. Die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt ist mir ein großes Anliegen. Schließlich richten sich Massenvernichtungswaffen vor allem gegen Zivilisten. Ihr Einsatz ist ein Verbrechen gegen die Menschheit.“

 

Wir können helfen, ein solches Verbrechen zu verhindern! Eine atomwaffenfreie Welt ist möglich. Konkrete Schritte dahin bereitet das Offene Kampagnentreffen „Büchel ist überall –atomwaffenfrei.jetzt“ am 11. September in Hannover vor (Anmeldung unter blach@dfg-vk.de) Und vielleicht entschließen wir uns, dem Trägerkreis „Atomwaffen abschaffen“ mit bislang fünfzig Mitgliedsorganisationen beizutreten?

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[1]          http://www.tagesspiegel.de/politik/us-atombomben-in-deutschland-nuklearwaffen-werden-nicht-abgezogen-sondern-modernisiert/10236788.html

[2]          http://www.bits.de/public/pdf/nuklearer-schirm-nato.pdf

[3]          https://www.welt.de/wirtschaft/article163715522/USA-werfen-ausgeschaltete-Atombombe-ab.html