Der Friedensnobelpreis 2017 ging an die Internationale Kampagne für die Abschaffung von Atomwaffen, ICAN, und damit auch an die 460 Ican-Mitglieds-Organisationen.

Viele Gruppen, die am Atomwaffen-Stüzpunkt Büchel protestieren, sind Mitglied bei ICAN - Deutschland, Puschkinallee 5, 12435 Berlin, mail: office@ican.berlin

Ican bekommt den Friedensnobelpreis 2017. Hier das deutsche Team, von links nach rechts: Angelika Wilmen, Martin Hinrichs, Xanthe Hall, Sascha Hach, Felix Werdermann, Anne Balzer.
Ican bekommt den Friedensnobelpreis 2017. Hier das deutsche Team, von links nach rechts: Angelika Wilmen, Martin Hinrichs, Xanthe Hall, Sascha Hach, Felix Werdermann, Anne Balzer.

Kaum einer kennt sie: die Anti-Atomwaffen-Kampagne ICAN. Mit der Verleihung des Nobelpreises dürfte sich das ändern. Es sei ein Gefühl der Anerkennung, sagt ICAN-Sprecherin Anne Balzer der DW.


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Rede von Dietrich Becker-Hinrichs am 8.12.2017 bei der Feierstunde im Rathaus Bretten anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises an ICAN

Liebe Friedensfreunde, liebe Friedensfreundinnen,
Morgen Abend wird in Berlin gefeiert. Ganz viele junge Leute werden Party machen, und in den Sonntag hineinfeiern, an dem der Friedensnobelpreis 2017 an die Organisation ICAN verliehen wird. Am Sonntag den 10.12. wird die Preisverleihung um 13 Uhr live im Internet übertragen. Unser Sohn Martin wird in Berlin mitfeiern und nach Oslo blicken. Er hat vor drei Jahren den deutschen Zweig von ICAN gegründet. Er darf sich jetzt Friedensnobelpreisträger nennen. Sein Engagement begann schon vor 10 Jahren bei einer Aktionsreise nach Wien zur UNO, wo er mit 5 anderen Jugendlichen aus Bretten Teil einer internationalen Jugenddelegation war. Diese Aktionsreise wurde von der Stadt Bretten im Rahmen der Brettener Friedenstage organisiert und mitfinanziert. Seitdem hat ihn dieses Thema nicht losgelassen. Er hat in Genf Politik studiert, die Gründung von ICAN International in Genf miterlebt, und nahm für ICAN an internationalen Konferenzen in Oslo, Mexiko, Genf und New York teil. Als er dann zum Studium nach Berlin ging, hat er dort mit Freunden zusammen den deutschen Zweig von ICAN gegründet.
Zwei Frauen stehen an der Spitze der Bewegung aktiv gegen Atomwaffen
Aber ich möchte nicht nur von unserem Sohn erzählen. Ich möchte Sie heute mit hineinnehmen in die Welt von ICAN: Wenn am Sonntag in Oslo der Friedensnobelpreis verliehen wird, dann wird er von zwei Frauen entgegengenommen:
Von der 34-jährigen Schwedin Beatrice Fihn, der Direktorin von ICAN International aus Genf. Neben ihr wird Setsuko Thorlow stehen, eine 85-jährige Japanerin, die heute in Kanada lebt.
Wer ist Setsuko Thurlow?
Die Japanerin Setsuko Thurlow ist in Hiroshima geboren. Als die Atombombe am
6. August 1945 die Stadt vernichtete, war sie ein Mädchen von 13 Jahren. Hätte sie sich im Stadtzentrum aufgehalten, wäre sie sofort in der Hitzewelle verglüht wie ihre Schwester und wie 140.000 Menschen, die meisten von ihnen Kinder, Frauen und alte Menschen. Oder sie hätte durch die radioaktive Strahlung Krebs bekommen. Und wäre daran gestorben, wie Tausende von Menschen allein in den ersten Wochen und Monaten nach dem Atombomben-Abwurf. Noch etwas später starb ein anderes Mädchen aus Hiroshima, das bis zu seinem Tod Papierkraniche faltete und diese zu einem bekannten Zeichen des Kampfes gegen Atomwaffen machte.
Setsuko aber hatte großes Glück. Sie war mit ihrer Schulklasse etwas außerhalb von Hiroshima, wurde verschüttet und gerettet. Setsuko und andere Überlebende aus Hiroshima und Nagasaki, man nennt sie Hibakusha, haben ihr Überleben als Auftrag verstanden. Setsuko hat ihre ganze Lebensenergie darauf verwendet, „die Menschheit vor der Hölle des Atomkriegs zu warnen“, wie sie es selbst ausdrückt.
Der Kampf gegen Atomwaffen war in den 80er-Jahren erfolgreich
Seit es Atomwaffen gibt, gibt es Menschen, die dagegen kämpfen. Und es ist schon viel erreicht worden. Die Zahl der Nuklearwaffen wurde reduziert, viele wurden verschrottet, auch aufgrund des öffentlichen Drucks aus der Friedensbewegung in den 80er-Jahren. Heute beträgt die Zahl der atomaren Sprengköpfe weltweit noch rund 15 000. In den 80er Jahren waren es noch etwa 70 000, davon Tausende in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR. Viele wurden aufgrund internationaler Verträge abgerüstet. Aber weiterhin sind 15.000 Nuklearwaffen eine Bedrohung für die gesamte Menschheit und die Schöpfung. Doch den Staaten, die Atomwaffen besitzen, fehlt es bisher an politischem Willen, diese abscheulichen Waffen endgültig zu verbieten, so wie biologische und chemische Waffen längst verboten sind.
Vor 10 Jahren bekam die Bewegung neuen Schwung
Setsuko Thurlow war lange Jahre verzweifelt darüber. Aber dann ist vor rund zehn Jahren Bewegung in die festgefahrene Situation gekommen. Junge Leute in aller Welt gründeten eine neue zivilgesellschaftliche Initiative, eben die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Nuklearwaffen. 420 Organisationen schlossen sich zusammen. In 101 Ländern wurde ICAN gegründet, mit dem Hauptsitz in Genf.
ICAN – eine junge Bewegung
Es sind vor allem ganz junge Leute, wie unser Sohn Martin in Berlin, die dabei mitmachen. Sie machten in vielen Reden und Aktionen klar: Wir wollen euer Spiel um Macht und Status, um Nichtverbreitungsverträge und fehlende konkrete Abrüstung nicht mehr mitspielen. Denn es geht nicht um eure, sondern um unsere Zukunft. Wir akzeptieren nicht mehr, dass Atomwaffen anders behandelt werden, als andere Massenvernichtungswaffen. Sie nehmen die ganze Menschheit in Geiselhaft. Sie gehören endlich geächtet und dürfen nicht mehr legitim sein, auch nicht für die Staaten, die sie jetzt schon haben.
Es begann mit einer Reihe von internationalen Konferenzen
Internationale Konferenzen über die humanitären Folgen von Atomwaffen wurden organisiert. Ärzteorganisationen wie die IPPNW, die Ärzte gegen den Atomkrieg, und Hilfsorganisationen wie das Internationale Kreuz erläuterten auf diesen Konferenzen, warum sie nicht helfen könnten, wenn auch nur eine einzige der heutigen Atomwaffen zur Explosion gebracht wird - wo und durch wen auch immer, ob absichtlich oder durch ein Versehen. Immer mehr Diplomaten aus aller Welt begannen, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen. Papst Franziskus und der Ökumenische Rat der Kirchen unterstützten die internationale Kampagne ICAN mehrfach öffentlich und eindeutig. Auch die Evangelische Landeskirche in Baden und ihr Forum Friedensethik schloss sich ICAN an. Viele Prominente unterstützten ICAN öffentlich. Der amerikanische Schauspieler Martin Sheen, der Nobelpreisträger Desmond Tutu aus Südafrika, der Künstler Ai Weiwei aus China oder der Dalai Lama erklären auf der Website von ICAN: wir können uns eine Welt ohne Atomwaffen vorstellen. Und wir wollen gemeinsam dagegen angehen.
Ein Kampf David gegen Goliath
Nach und nach verbündete sich die Zivilgesellschaft gegen die mächtige Atomwaffenlobby und die Atomwaffenstaaten. Es schien aussichtslos zu sein wie bei David gegen Goliath. Denn bis zuletzt bekämpften die derzeitigen neun Atomwaffen-staaten die neue zivilgesellschaftliche Bewegung, übten öffentlich und heimlich großen Druck aus, und versuchten, den Atomwaffenverbotsvertrag zu verhindern, allen voran die USA. Es gibt ein Geheimpapier aus der NATO, das vor diesem Vertrag warnt, weil er, selbst wenn die Atommächte ihm nicht zustimmen, doch die Produktion und Stationierung von Atomwaffen erheblich behindern wird. Schließlich endete der diplomatische Streit und Kampf mit einem historischen Sieg der großen Mehrheit der Nicht-Atomwaffenstaaten.
Ein historischer Sieg
Am 7. Juli 2017 stimmten 122 der in den Vereinten Nationen zusammengeschlossenen Staaten einem völkerrechtlichen Vertrag zu, der Atomwaffen endgültig verbietet und konkrete Schritte bis zu ihrer vollständigen Abschaffung benennt. Sobald 50 Staaten diesen Vertrag unterzeichnet und ratifiziert haben, tritt er in Kraft. Für Setsukow Thurlow aus Hiroshima war die Abstimmung in den Vereinten Nationen in New York der schönste Moment in ihrem Leben - bisher, wie sie sagt. Setsukow Thurlow ist mit ihren 85 Jahren eine der führenden Persönlichkeiten bei ICAN International. Sie hat eine zentrale Rolle beim Zustandekommen des Vertrags in den Vereinten Nationen gespielt. Seit siebzig Jahren kämpft sie gegen die Atombombe. Ihre Ansprachen auf diplomatischen Konferenzen haben zahlreiche Menschen bewegt, sich der Bewegung für totale nukleare Abrüstung anzuschließen. Auch unser Sohn hat erzählt, wie sehr ihn die persönliche Begegnung mit Überlebenden aus Hiroshima wie z.B. Setsuko Thorlow auf diesen Konferenzen geprägt hat.
In Deutschland ist der Kampf gegen Atomwaffen kein Thema
Doch die Medien hierzulande haben wenig davon berichtet. Und es ist ja mehr als peinlich, dass sich Deutschland dem Druck der USA gebeugt und sich nicht an den Vertragsverhandlungen beteiligt hat. Doch nun hat das norwegische Friedensnobelpreiskomitee geistesgegenwärtig die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf den Atomwaffenverbotsvertrag gelenkt. Jetzt wird es darum gehen, weiter Überzeugungsarbeit zu leisten. Damit, hoffentlich noch zu unseren Lebzeiten, Atomwaffen endgültig aus dem Arsenal der erlaubten Kriegswaffen verschwinden.
Atomwaffen werden eines Tages verschwinden
Beatrice Fihn, die Direktorin von ICAN in Genf ist davon überzeugt. Sie sagt in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung: „Eines Tages werden Atomwaffen verschwinden, ganz unspektakulär. Sie sind militärisch nutzlos, weil sie nicht zwischen Freund und Feind unterscheiden.“ Wollte man z.B. Nordkorea mit Atomwaffen auslöschen, so würde man auch Südkorea treffen. Und sie sind teuer. Die Staaten werden eines Tages einsehen, dass sie diese Waffen nicht brauchen.
Wenn dies geschieht, wenn eines Tages der Abrüstungsprozess neuen Schwung bekommt, dann ist das auch den Mayors for Peace zu verdanken.
Die Mayors for Peace 1982 wurde die Organisation Mayors for Peace durch den Bürgermeister von Hiroshima gegründet. Aus der grundsätzlichen Überlegung heraus, dass Bürgermeisterinnen und Bürgermeister für die Sicherheit und das Leben ihrer Bürgerinnen und Bürger verantwortlich sind, versucht die Organisation Mayors for Peace durch Aktionen und Kampagnen die weltweite Verbreitung von Atomwaffen zu verhindern und deren Abschaffung zu erreichen. 1991 wurden die Mayors for Peace vom Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen als Nichtregierungs-organisation registriert. Inzwischen gehören dem Netzwerk weltweit über 7000 Städte und Gemeinden aus über 160 Ländern an. In Deutschland sind über 500 Mitglieder dem Bündnis beigetreten. Die Landeshauptstadt Hannover ist eine der Vizepräsident- und Exekutivstädte des Bündnisses und Lead City für Deutschland.
Bretten ist seit 10 Jahren dabei.
Die Mayors for Peace sind übrigens eine der internationalen Partnerorganisationen von ICAN. So fällt ein wenig von dem Glanz des Friedensnobelpreises heute auch auf Bretten und seinen Oberbürgermeister und alle Brettener Bürgerinnen und Bürger, die sich seit vielen Jahren bei den Brettener Friedenstagen engagieren und sich für ein Verbot von Atomwaffen einsetzen. Freuen wir uns heute über den Friedensnobelpreis. Feiern wir mit ICAN und arbeiten wir weiter an dem Ziel einer Welt ohne Atomwaffen!